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Istanbul-Konvention greift nicht genügend in der Schweiz

Aktualisiert: vor 11 Stunden

Podiumsgespräch mit Geflüchteten und anderen Fachfrauen

Gemäss UNHCR sind weltweit nahezu 80 Millionen Menschen auf der Flucht: Die Hälfte davon sind Frauen und Mädchen. In ihren Herkunftsländern, unterwegs und in der Schweiz sind Frauen geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Unterdrückung, Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung ausgesetzt. Die von der Schweiz 2017 ratifizierte Istanbul-Konvention verspricht Schutz. Auch die Anerkennung geschlechtsspezifischer Fluchtgründe im Asylverfahren ist im Gesetz verankert. Doch die Praxis sieht anders aus. Frauen erleiden Übergriffe und müssen um ihre Rechte kämpfen.


Am 15. Juni 2021 organisierte SAO Association zusammen mit der Citykirche Offener St. Jakob eine Gesprächsrunde mit Fana Asefaw (Kompetenzzentrum Trauma und Migration), Georgiana Ursprung (Brava, ehemals Terre des Femmes), Nekane Txapartegi (Aktivistin), Noëmi Grütter (SAO Association, Sexuelle Gesundheit Schweiz) und Thamina Tagizade (Aktivistin). Moderiert wurde das Gespräch von der Journalistin Helene Aecherli. Durch die Kombination von persönlichen Geschichten und fundiertem Fachwissen entstand ein tiefgreifender und kurzweiliger Austausch.

Im Gespräch wurde deutlich, dass für Frauen, die in Griechenland sexuelle Gewalt von offizieller Seite – sei es seitens Militär, Polizei, Sicherheitskräften oder anderen - erlebt haben, die Istanbul-Konvention in der Schweiz nicht greift. Stellen diese Frauen einen Asylübernahmeantrag in der Schweiz, so wird oft lediglich auf das Dublin-Abkommen verwiesen, laut welchem Griechenland ein sicherer Staat ist. So wird die Istanbul-Konvention dem Dublin-Abkommen untergeordnet und weitgehend ignoriert. Als Konsequenz gelangen viele Frauen in einen schrecklichen Teufelskreis: Sie werden in Auslieferungshaft gesteckt, wo sie nicht selten Selbstmordversuche begehen. Daraufhin werden sie in psychiatrischen Kliniken stabilisiert, nur um danach wieder in Auslieferungshaft überwiesen zu werden, wo sie wieder suizidgefärdet sind.

Die Gesprächsteilnehmerinnen waren einstimmig der Meinung, dass das viele Geld, welches in die Abschreckung und Abwehr von Menschen auf der Flucht investiert wird, besser in Präventions- und Unterstützungsarbeit investiert wäre, um Traumata zu verhindern.


Im Nachgespräch unter den Podiumsteilnehmerinnen war man sich einig, dass hier klare Forderungen an die designierte SEM-Direktorin gestellt werden müssen, um diesen Missstand zu beheben.


Wir danken den Teilnehmerinnen für das horizonterweiternde Gespräch und dem Publikum für das Zuhören und die interessanten Fragen zum Schluss.

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